Glycin

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  • Zuletzt aktualisiert: Samstag, 28. Juli 2012 15:47
  • Veröffentlicht: Donnerstag, 07. Januar 2010 08:23
  • Geschrieben von Lisa Oberländer
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Glycin

Glycin (auch Glyzin, chemisch Aminoessigsäure genannt), ist die kleinste und einfachste α-Aminosäure. Glycin ist nicht essentiell, kann also vom menschlichen Organismus selbst hergestellt werden und ist wichtiger Bestandteil nahezu aller Proteine und ein wichtiger Knotenpunkt im Stoffwechsel.
Glycin ist ein inhibitorischer Neurotransmitter, der hauptsächlich im Hirnstamm und im Rückenmark wirkt. Neben seiner Neurotransmitterfunktion hat Glycin auch zytoprotektive und modulierende Effekte auf verschiedene nicht neuronale Zelltypen. Es konnte nachgewiesen werden, dass Glycin Nierenzellen, Leberzellen und Endothelzellen gegen Ischämie schützen kann. Bei Immunzellen, Makrogliazellen und Endothelzellen besteht ein modulierender Effekt bezüglich Proliferation, Differenzierung, Migration und Zytokinproduktion.

Eine hochdosierte Glycinsupplementierung wurde schon mehrfach als adjuvante Therapie bei der Schizophrenie zur Verbesserung der glutamatergen Neurotransmission erprobt. Meist wurden nach ca. zwei Wochen klinische Verbesserungen beobachtet. In einer Studie der Harvard Medical School konnte jetzt durch ein nicht invasives bildhaftes Verfahren bei 11 gesunden männlichen Versuchspersonen gezeigt werden, dass 17 Stunden nach der letzten Glycingabe das Glycin-/ Kreatin-Verhältnis im Gehirn signifikant erhöht war. Die Studie dokumentiert, dass es möglich ist, mit Hilfe der Protonenspektroskopie Veränderungen der Glycinkonzentration im Gehirn nachzuweisen, woraus dann gezielte Therapiestrategien mit Glycin entwickelt werden können.

Wissenschaftler der New-York University fanden erste Hinweise, dass die Einnahme von Glycin in hoher Dosierung die Symptome von Zwangsstörungen vermindern kann. Diese Beobachtung sollte in weiteren Studien überprüft werden, könnte aber eine neue Strategie bei der Behandlung von Zwangserkrankungen darstellen.

Glycin und Diabetes

Übergewicht und Type-2-Diabetes gehen mit einer „low-grade- inflammation“ einher, bei der Adiponektin herunterreguliert ist; Entzündungsmediatoren wie Interleukin-6, TNF-Alpha und CRP sind hochreguliert. Adiponektin ist ein Peptidhormon, das in den Fettzellen gebildet wird. Ein niedriger Spiegel von Adiponektin erhöht das Risiko von Diabetes mellitus und führt zu Gefäßschäden.

Wissenschaftler aus Mexiko untersuchten jetzt in einer 3T3-L1-Zellkultur die mRNA-Expression verschiedener Metabolite.
Bei der 3T3-L1-Zellkultur handelt es sich um Vorläuferzellen von Fettzellen, die dann zur Zelldifferenzierung gebracht werden. Einem Teil der Zellkulturen wurde Glycin beigesetzt. Es zeigte sich, dass bei den Zellkulturen mit Glycin die Expression von Interleukin-6, Resistin und TNF-Alpha vermindert war - Adiponektin und PPAR-Gamma waren hochreguliert. Aus diesem Ergebnis kann man schließen, dass Glycin offensichtlich das Expressionsmuster von Fettzellen günstig beeinflussen kann.

In einer weiteren Studie aus Mexiko wurde untersucht, ob und in welchem Umfang Glycin bei Typ-2-Diabetikern zu einer Veränderung von Entzündungsmakern führt. An der Studie nahmen 74 Patienten mit Typ-2-Diabetes teil. Jeweils die Hälfte der Gruppe erhielt 5 g Glycin täglich oder ein Placebopräparat über einen Zeitraum von drei Monaten. Nach drei Monaten waren die Konzentrationen von HbA1c in der Glycingruppe signifikant niedriger als in der Placebogruppe. Auch die Konzentrationen des TNF-Rezeptor-1 waren in der Glycingruppe signifikant vermindert. In der Glycingruppe kam es zu einem Anstieg des Interferon-Gamma-Spiegels um 43 Prozent, in der Placebogruppe um 38 Prozent. Autoren der Studie schlossen daraus, dass die Behandlung mit Glycin wahrscheinlich ein vorteilhafter Effekt auf das angeborene und erworbene Immunsystem hat, und Glycin Gewebeschäden durch chronische Entzündung bei Patienten mit Typ-2-Diabetes verhindern kann.

Quellen:
Kaufmann MJ et al: Oral glycine administration increases brain glycine/ creatine ratios in men: A proton magnetic resonance spectroscopy study; Psychiatry Res. 2009 Jun 24
Greenberg WM et al: Adjunctive glycine in the treatment of obsesessive-compulsive disorder in adults; J. Psychiatr. Res. 2009 Mar; 43(6): 664-70
Garcia-Macedo R et al: Glicine increases mRNA adiponectin and diminishes pro-inflammatory adipokines expression in 3T3-L1-cells; Eur J Pharmacol. 2008 Jun 10; 587(1-3): 317-21
Cruz M et al: Glycine treatment decreases proinflammatory cytokines and increases interferon-gamma in patients with type 2 diabetes; J Endocrinol Invest. 2008; 31(8): 694-9